Hätten sie Familie, Nachbarn oder gar Freunde, würden diese sagen: „Es sind gute Jungs!“ Vorausgesetzt, man hätte gefragt haben können oder wollen.

Die drei jungen, aber alten Herren hatten kein schwereres Leben als die meisten, aber auch kein einfacheres als einige.


Dabei war es – nennen wir es: Schicksal, welches die drei zusammenbrachte. Zur Sommerferienreisewelle 1985 wurden die verhaltensunauffälligen Kinder unabhängig voneinander an räumlich benachbarten Rastplätzen ausgesetzt. Schnell ihren natürlichen Instinkten folgend, verwilderten sie zunehmend in angrenzenden Waldstücken, verbargen sich ängstlich vor wertekonservativen Wanderern aus der pfälzischen Provinz.

Auf der stetigen Suche nach Nahrung perfektionierten sie eine eigentümliche, aber fast schon intelligente Art, den Hunger und Selbsthass zu besiegen. 

In der Abenddämmerung lauerte ein jeder von ihnen auf einem Papageienfriedhof älteren Damen auf, um diesen Cracker aus ihren Handtaschen zu stibitzen. 

Dabei lernten sie sich kennen und entwickelten etwas wie eine primitive Überlebenskultur des Zweckpessimismusses. 

Als sie eines Nachts wieder Omas an den Gräbern ihrer Papageien schändeten, öffnete sich der Himmel und ihnen fiel die Blues-Gitarre eines ehemaligen Seemanns und schlechten Gunter-Gabriel-Imitators in die unegalen Finger.

Sie gründeten eine Band, lernten von der Evolution Sprache und menschliche Lebensweisen, entwickelten Probleme – und nannten sich „Tante Polly“. Dass sie Huckleberry Finn gar nicht kennen konnten, macht den Kohl nun auch nicht mehr fett, denn der Name ließ sich, mit unbeholfen krakeligen Lettern eingeritzt, auf dem vom Holzwurm entstellten Gitarrenrücken entziffern.


Das Unglück passierte in Erfurt. Sie spielten eines ihrer atemlosen Konzerte im dortigen Jugendzentrum, setzten zu einem tonlosen Accapella-Klimax an – und just in diesem Moment der geschrumpften Ekstase war die Gitarre verschwunden. 

„Eichensteif“, eine erfolglose Blitzrock-Band aus Dortmund kidnappte das historische Einzelstück. Warum? Man will es gar nicht wissen. 

Um die sechssaitige Basis aller Zukunftshoffnungen wieder auslösen zu dürfen, mussten sich die geschundenen, aber smarten Jungs zunächst drei Monate als Roadies von „Eichensteif“ verdingen, eine dunkle Zeit in Kellern ohne Menschlichkeit.

So lernte Tante Polly die Liebe, das Leben und die Lüge kennen. 

Erfüllt von Selbstekel rafften sich die gefühligen Jungs schließlich auf, im Zuge einer schnippischen Kamikaze-Aktion die heilige Gitarre zurückzuerobern.

Verletzt in ihrem kindlichen Ehrgefühl und vollständig geflutet von vergewaltigten Emotionsfragmenten, waren sie nun auch noch konfrontiert mit trügerischer Freiheit. 

Selbst heute penetriert das dissonant nachtönende Alp-Echo Eichensteifs die hübschen Jungsohren. 

Die liebreizende Unschuld war gestohlen! Für immer!


Und Tante Polly flüchtete sich in die liebenden Arme des Blues! Was auch sonst? 


Von neu entdeckter träger Selbstsicherheit getrieben tingelten sie von Auftritt zu Auftritt in die Kantinen guter deutscher fleischverarbeitender Mittelstandsbetriebe.


Nun liegt Tante Pollys erstes Album vor – klar, es heißt „Herzkotze“!

Warum auch nicht?


Vergleiche mit dem jungen Udo Lindenberg oder Manne Krug verbieten sich glücklicherweise, weil sich Tante Polly konsequent dem schnöden Musikkonsum verweigern. 

Und zeigen die drei schon in jungen Jahren bizarr gealterten und grotesk jungenhaften Männer nur in ihrer libidinösen Ausprägung Parallelen zum altersweisen Roberto Blanco, ist es ein glücklicher Umstand, dass sie wenigstens ihre Instrumente beherrschen.

Der musikalische Ausdruck verzichtet auf freudianische Selbstanklagen und vertont so drei unwesentlich korrelierende Lebenswege, in deren Verlauf nicht nur eine Ausfahrt falsch genommen wurde.


Herzkotze also - so hört sich Tante Polly wie das wohlige Nachhausekommen an – das Angekommensein in der Heimatlosigkeit!


Hauptsache, es gibt Kaffee und Kuchen!


Und eins darf man nicht vergessen: „Es sind gute Jungs!“

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Nils Lund